Chateau Les Carmes Haut Brion
AUFSTEIGER DER LETZTEN JAHRE: CHATEAU LES CARMES HAUT BRION!
Château Les Carmes Haut-Brion liegt mitten in der Stadt Bordeaux. Die Geschichte reicht bis 1584 zurück. Damals schenkte Jean de Pontac, Besitzer von Haut-Brion, den Karmeliten Weinberge und Wiesen. Fast zwei Jahrhunderte kümmerten sich die Mönche um das Gut. Nach der Französischen Revolution wechselte der Besitz mehrfach. 1840 übernahm die Familie Colin. Später führten die Chantecaille das Gut weiter. 2010 kaufte der Unternehmer Patrice Pichet das Château. Damit begann eine neue Ära.
Patrice Pichet ist bis heute Eigentümer. Geschäftsführer ist Guillaume Pouthier. Er prägt seit 2012 die heutige Stilistik. Als langjähriger Consultant und Önologe arbeitet Stéphane Derenoncourt mit dem Team zusammen. Das Zusammenspiel aus Pichet, Pouthier und Derenoncourt gilt als wichtiger Motor des enormen Qualitätssprungs der letzten Jahre.
Das Herzstück ist ein außergewöhnlicher Clos von rund 10 Hektar. Die Rebflächen sind von Mauern umgeben und liegen direkt vor den Toren der Stadt. Die Weinberge sind vollständig im Besitz des Weinguts. Ein Teil der heutigen Fläche kam durch Zukäufe hinzu. Dazu gehört unter anderem ehemaliger Besitz von Château Le Thil. Die Trauben werden für Les Carmes beziehungsweise den Zweitwein Le C des Carmes Haut-Brion verwendet.
Die Nachbarschaft ist hochkarätig. Château Haut-Brion liegt praktisch vor der Haustür. Damit gehört Les Carmes zu einer kleinen Gruppe von Weingütern, die mitten im urbanen Umfeld von Bordeaux auf außergewöhnlichem Terroir stehen. Gerade diese Lage macht den Besitz so besonders.
Die Böden sind sehr abwechslungsreich. Kies, Sand und Lehm liegen auf einem kalkhaltigen Untergrund. Diese geologische Mischung erlaubt eine ungewöhnliche Verteilung der Rebsorten. Cabernet Franc fühlt sich besonders auf den leichteren Böden wohl. Merlot steht stärker auf den lehmigeren Partien.
Auch der Rebsortenspiegel ist für das linke Ufer ungewöhnlich. Cabernet Franc spielt eine zentrale Rolle, dazu kommen Cabernet Sauvignon und Merlot. In aktuellen Jahrgängen liegt Cabernet Franc teilweise sogar an der Spitze. Der Jahrgang 2024 bestand beispielsweise aus 48 % Cabernet Franc, 29 % Cabernet Sauvignon und 23 % Merlot. Das durchschnittliche Rebalter liegt inzwischen bei rund 60 bis 65 Jahren.
Im Weinberg wird sehr sorgfältig gearbeitet. Die Lese erfolgt von Hand. Schon im Weinberg wird streng selektiert. Danach folgt eine weitere Sortierung im Keller. Gerade in schwierigen Jahrgängen wird extrem konsequent aussortiert. 2024 ist ein gutes Beispiel: Von einem möglichen Ertrag von rund 45 hl/ha blieben nach der Selektion nur etwa 24 hl/ha für die Vinifikation übrig. Zusätzlich wurde eine densimetrische Sortierung eingesetzt.
Vinifiziert wird direkt auf dem Gut. Und hier wird es besonders spannend. Les Carmes setzt nicht nur auf klassische Edelstahltanks. Zum Einsatz kommen Beton, Holz und unterschiedliche Amphoren. Ein Teil der Trauben wird mit ganzen Trauben vergoren. Je nach Jahrgang können mehr als 50 % Ganztrauben eingesetzt werden. Das Ziel ist keine maximale Extraktion. Die Weine sollen eher infundiert als „herausgepresst“ wirken.
Die malolaktische Gärung gehört zur Vinifikation der Rotweine. Ein Teil kann dabei im Barrique erfolgen. Anschließend beginnt der Ausbau. Barriques bleiben wichtig. Sie werden aber inzwischen mit 18-hl-Fudern, Beton und Amphoren kombiniert. Beim Jahrgang 2024 entfielen beispielsweise 70 % auf neues Holz, 19 % auf 18-hl-Fuder und 11 % auf Amphoren. Die genaue Aufteilung verändert sich von Jahrgang zu Jahrgang.
Der Ausbau dauert ungefähr 18 bis 24 Monate. Französische Eiche dominiert. Der Anteil neuer Barriques ist hoch, wird aber durch Fuder und Amphoren zunehmend ausbalanciert. Genau das ist Teil der modernen Philosophie von Les Carmes. Das Holz soll Struktur liefern. Es soll aber niemals die Frucht überdecken.
Auch bei der Abfüllung steht maximale Präzision im Vordergrund. Das Weingut arbeitet nicht mit einer möglichst starken Schönung. Die Weine sollen ihre Herkunft zeigen. Je nach Jahrgang und Wein wird sehr schonend filtriert beziehungsweise auf eine Filtration verzichtet. Der Fokus liegt klar auf der Reinheit des Weins.
Stilistisch ist Les Carmes heute ungewöhnlich elegant, duftig und präzise. Dunkle Beeren treffen auf Veilchen, Kirschen, Kräuter und Graphit. Dazu kommen feine salzige Noten. Die Tannine sind dicht, aber seidig. Trotz enormer Konzentration wirken die Weine nicht schwer. Genau diese Kombination aus Kraft, Frische und Leichtigkeit macht Les Carmes so faszinierend. Falstaff beschrieb den 2023er beispielsweise als finessenreich, dynamisch, frisch und salzig.
Die Fachpresse ist inzwischen nahezu euphorisch. Der 2022er erreichte bei mehreren Kritikern 100 Punkte. Auch 2023 und 2024 liegen regelmäßig im Bereich von 95 bis 100 Punkten. Der 2024er erhielt unter anderem 98 Punkte von James Suckling und 99 Punkte von Yves Beck. Le Figaro vergab sogar 100 Punkte.
Eine der größten Besonderheiten ist der legendäre, von Philippe Starck entworfene Keller. Das Gebäude erinnert an einen umgedrehten Schiffsrumpf. Es ist weit mehr als ein spektakuläres Designobjekt. Die Architektur wurde konsequent mit der Weinbereitung verbunden. Schwerkraft, unterschiedliche Ebenen und verschiedene Gefäßformen ermöglichen eine sehr präzise Vinifikation.
Auch die Etiketten und die Architektur tragen diese moderne Handschrift. Kunst und Design gehören inzwischen zur Identität von Les Carmes. Gleichzeitig bleibt die Geschichte des Ortes sichtbar. Der Name erinnert weiterhin an die Karmeliten, die hier vor Jahrhunderten Wein anbauten.
Beim Preis-Leistungs-Verhältnis wird es schwieriger. Les Carmes ist mittlerweile ein gesuchter Spitzenwein und entsprechend teuer. Im Vergleich zu den ganz großen Namen des Bordeaux ist er aber noch interessant positioniert. Vor allem der Le C des Carmes Haut-Brion bietet einen wesentlich leichteren Einstieg in die Stilistik des Hauses. Les Carmes selbst ist inzwischen eher ein Investment in einen der großen aufstrebenden Namen des Bordeaux.
Das Alleinstellungsmerkmal von Les Carmes Haut-Brion ist die Kombination aus kleinem, historischem Clos, ungewöhnlich hohem Cabernet-Franc-Anteil, kompromissloser Selektion und einer extrem modernen Vinifikation. Dazu kommt die Lage mitten in Bordeaux, direkt neben Haut-Brion. Kaum ein anderes Château verbindet Geschichte, Terroir, Architektur und avantgardistische Weinbereitung auf so engem Raum.
Les Carmes ist deshalb eines der interessantesten „Next-Level-Châteaux“ des Bordeaux. Es besitzt nicht die Größe von Haut-Brion. Aber genau darin liegt ein Teil seines Reizes: klein, kompromisslos und mit einer ganz eigenen Handschrift.